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Zartbitter-Präventionsarbeit gefährdet!
Zartbitter-Präventionsarbeit vor dem bitteren Ende?!
Landeskürzungen gefährden Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen
Seit fast zwanzig Jahren leistet Zartbitter eine landesweite Intervention- und Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch, für die bislang sowohl Politik als auch Fachkreise aufgrund ihrer kindgerechten Konzeption voll des Lobes sind.
Weniger bekannt als die Arbeit von Zartbitter ist jedoch die Tatsache, dass Zartbitter mit weniger als 40% öffentlicher Förderung schon seit Jahren eine der am schlechtesten finanzierten Fachberatungsstellen in NRW ist. Finanziert wurde die Arbeit zu mehr als 60% aus Eigenmitteln des Vereins. Nun will das Land NRW die ohnehin geringe öffentliche Förderung für Zartbitter um 22.000 € im Jahr kürzen. Eine solche Kürzung würde bei einem gleichzeitig zu beobachtenden Spendenrückgang im Jahre 2005 das Aus der landesweiten Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch bedeuten.
Als älteste Spezialberatungsstelle gegen sexuellen Missbrauch in der Bundesrepublik, die sowohl betroffenen Mädchen als auch Jungen Hilfe anbietet und Präventionsarbeit leistet, ist Zartbitter Köln eine der renommiertesten Fachstellen im gesamten deutschsprachigen Raum. Seinen Ruf hat Zartbitter Köln sich vor allem dadurch erarbeitet, dass die überregionale Kontakt- und Informationsstelle stets mit viel Mut und fachlicher Kompetenz eine Vorreiterposition in der Fachdiskussion gegen sexuellen Missbrauch einnimmt und im Laufe der Jahre zahlreiche „heiße Eisen“ zum Thema machte (z.B. „Sexuelle Ausbeutung im Internet“, „Frauen als Täterinnen“, „Missbrauch in Institutionen“, „Sexuelle Übergriffe durch Kinder im Vor- und Grundschulalter“). In Auswertung des internationalen Forschungsstandes und der eigenen Beratungsarbeit in Köln entwickelt Zartbitter nun seit fast zwanzig Jahren innovative Konzepte der Hilfen für kindliche und jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs und Konzepte der Prävention. Mit den Zartbitter-Arbeitsmaterialien arbeiten zahlreiche Einrichtungen der Jugendhilfe und Schulen nicht nur in NRW, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum.
Seit vielen Jahren ist Zartbitter im finanziellen Überlebenstraining erprobt, muss die Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch doch seit Jahren mehr als 60% des Haushaltsvolumens mit Eigenmitteln finanzieren. Bei einem Jahreshaushalt von mehr als 500 000 € wird die Arbeit von Zartbitter nur mit weniger als 40% (176.000 €) durch das Land NRW und die Stadt Köln finanziert. Die notwendigen Eigenmittel von mehr als 300 000 € jährlich erwirtschaftet Zartbitter durch Spenden, Sponsorengeldern, Fortbildungsveranstaltungen, Bußgeldern, Theaterauftritten und den Verkauf von Materialien. Nicht zuletzt werden diese Mittel durch ein außergewöhnlich großes Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgebracht, die nicht nur seit Jahren zahlreiche ehrenamtliche Überstunden leisten, sondern ebenso oftmals auf Urlaubstage verzichten, um die Existenz der Einrichtung zu sichern. Weihnachtsgeld zahlt Zartbitter schon seit Jahren nicht mehr.
Im letzten Jahr hat sich die Finanzmisere von Zartbitter nun weiter zugespitzt: Das Spendenaufkommen ging um 40 000 € von zuvor ca. 140 000 € jährlich auf 100 000 € im Jahre 2005 zurück. Erschüttert muss Zartbitter nun feststellen, dass die Landesregierung mit ihren geplanten Kürzungen die Existenz der Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch zusätzlich gefährdet. Diese Kürzungen sind umso unverständlicher, da Zartbitter Köln als einzige überregionale Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch in NRW landesweit Präventionsarbeit leistet und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe in komplexen Fällen wie z.B. bei sexueller Ausbeutung von Kindern in Pornoproduktionen oder durch Mitarbeiter aus Institutionen Fachberatung anbietet. Das Kölner Beratungsangebot für betroffene Mädchen und Jungen macht nur 50% der Arbeit von Zartbitter Köln aus. Damit unterscheidet sich Zartbitter sowohl von Familienberatungsstellen als auch von anderen Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch, die ausschließlich regional arbeiten. Aufgrund der starken überregionalen Tätigkeit von Zartbitter Köln besteht im Gegensatz zu anderen Beratungsstellen keine Möglichkeit einer Refinanzierung der Kürzungen durch die Kommune. Die Stadt Köln ist nicht bereit, neben dem kommunalen Beratungsangebot von Zartbitter das landesweite Angebot aus kommunalen Mitteln zu finanzieren.
Sollte das Land NRW die Landesförderung für Zartbitter wie geplant kürzen, so bedeutet dies das Aus für die überregionale Präventionsarbeit und Fachberatung durch Zartbitter. Die geplante Kürzung des Landeszuschusses würde die Existenzbasis einer innovativen Präventionsarbeit gegen die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen vernichten, denn die Sicherheit der öffentlichen Förderung ist gleichzeitig die Basis für die Beschaffung von Sponsorengeldern. Jeder Euro, der bei der Landesförderung wegfällt, bedeutet folglich einen weiteren Verlust an Eigenmitteln. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zartbitter verstehen die Welt nicht mehr: „Nun werden wir auch noch dafür bestraft, dass wir jahrelang ein außergewöhnliches Maß an Engagement und Eigeninitiative gezeigt und nicht gejammert haben!“ kommentiert Ursula Enders, Mitbegründerin und Leiterin von Zartbitter Köln, das Vorgehen der Landesregierung. „Die Politik hat seit Jahren ihre Verantwortung für kindliche Opfer sexueller Gewalt vernachlässigt, jetzt entzieht sie auch noch mit der Kürzung eines vergleichsweise lächerlichen Betrages von 22.000 € einer Einrichtung die wirtschaftliche Grundlage, die im Jahr ein Vielfaches an Eigenmitteln aufbringt und sich ihrer Verantwortung für das Wohl von kindlichen Opfern sexuellen Missbrauchs stellt!“
Welche positive Resonanz die von Zartbitter Köln entwickelten Präventionskonzepte finden, verdeutlicht beispielhaft die Nachfrage nach „click it! – Zartbitter-Prävention gegen sexuellen Missbrauch im Internet“. Mit einer öffentlichen Projektförderung von 25.620 € hat Zartbitter eine landesweite Präventionskampagne auf die Beine gestellt, an der sich inzwischen zahlreiche Jugendämter, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe beteiligen.
- • Seit Sommer 2005 haben mehr als 200 Institutionen in mehr als 60 Städten und Gemeinden des Landes NRW Bausteine der Präventionskampagne bei Zartbitter abgefragt.
- • Die Broschüre „click it! – Tipps für Mädchen und Jungen gegen sexuelle Ausbeutung im Chat“ wird bereits nachgedruckt. Die erste Auflage von 50 000 ist vergriffen.
- • Die Broschüre „click it! – Tipps für Mütter und Väter gegen sexuelle Ausbeutung im Chat“ wurde bereits nachgedruckt. Die erste Auflage in Höhe von 20 000 ist vergriffen.
- In zahlreichen Städten des Landes NRW führten in den letzten Monaten bzw. führen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zartbitter noch in diesem Jahr Fachtagungen für Multiplikatoren über Möglichkeiten der Prävention von sexueller Ausbeutung im Chat durch (z.B. Bielefeld, Bonn, Detmold, Essen, Köln, Menden, Mönchengladbach, Velbert, Wuppertal).
- Das Präventionstheaterstück „click it!“ wird bis Ende dieses Jahres vor voraussichtlich mehr als 35 000 Schülerinnen und Schülern weiterführender Schulen des Landes NRW aufgeführt.
- Der „click it!“-Bildschirmschoner mit Tipps gegen die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen im Chat steht zum kostenlosen Downloaden auf der Zartbitter-Website.
- Fortbildungen für Präventionsfachkräfte bereiten diese für die Durchführung von Informationsveranstaltungen für Mütter und Väter und von Präventionsprojekten mit Mädchen und Jungen vor.
Das Präventionsprojekt „click it“ wird ständig weiterentwickelt. Zurzeit beobachten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zartbitter eine Gefährdung von Mädchen und Jungen, die persönliche Informationen auf privaten Website und in Online-Tagebüchern veröffentlichen. Ebenso setzten sie sich mit dem unter Jugendlichen verbreiteten Versand pornografischer Bilder und Videos über Handy und mit den Strategien von Tätern und Täterinnen auseinander, die über Fernsehtext Kontakt zu potenziellen Opfern knüpfen.
„click it!“ wird inzwischen im Saarland unter dem Namen „KlickX“ flächendeckend umgesetzt. Auch die Schweizer Kriminalpolizei plant, „click it!“ für die Schweiz zu adaptieren. Doch die nordrhein-westfälische Landesregierung scheint sich der Bedeutung der von Zartbitter geleisteten Präventionsarbeit gegen die sexuelle Ausbeutung im Internet nicht bewusst zu sein.
Im Jahre 2007 wird Zartbitter Köln 20 Jahre alt.
Wir hoffen, dass es dann die überregionale Zartbitter-Präventionsarbeit noch gibt.
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