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Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe?
Schon sehr kleine Kinder experimentieren sexuell: Sie befriedigen sich selbst, erkunden – schauen und berühren – mit kindlicher Neugier die eigenen Geschlechtsorgane. Im ersten Lebensjahr berühren sie ihre Genitalien noch ebenso zufällig wie ihre anderen Körperteile. Ab dem zweiten Lebensjahr "begreifen" Kinder die Welt. Dazu gehört die spielerische Erkundung des eigenen Körpers, aber auch den der Mutter und des Vaters. Außerdem wollen Mädchen und Jungen in diesem Alter wissen, wie die Geschlechtsteile heißen. Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr berühren sich Kinder manchmal zielgerichtet an den Genitalien. Sie haben entdeckt, dass das angenehme Empfindung auslöst. Sie wollen mehr über Zusammenhänge wissen: z.B. "Wie kommt das Baby in den Bauch?" Ab dem dritten Lebensjahr merken Kinder, dass es neben ihrem eigenen Geschlecht noch ein weiteres gibt. Neugierig erkunden sie den Körper ihrer kleinen Spielgefährtinnen und -gefährten. Diese "Doktorspiele" gehören in diesem Alter zu einer normalen kindlichen Entwicklung. Sie fördern den Spaß an der eigenen kindlichen Sexualität und stärken das Vertrauen in die sinnliche Wahrnehmung. Kinder brauchen jetzt eine Rückzugsmöglichkeit, um ihrer kindlichen Neugier Raum geben zu können.
Erwachsene sind in dieser Zeit oftmals verunsichert, ob das Verhalten der Kinder einer "normalen" Entwicklung entspricht: "Gehen diese Doktorspiele zu weit?" oder "Ich mache mir Sorgen, dass die älteren Mädchen und Jungen meinem Kind Dummheiten beibringen."
"Doktorspiele" sind gegenseitige Spiele: Kinder begucken und berühren sich gegenseitig, sie tauschen die Rollen. Die Initiative geht nicht nur von einem Mädchen oder Jungen aus und kein Kind muss sich einem anderen unterordnen. Meistens finden sie unter Kindern gleichen Alters oder mit ein oder zwei Jahren Altersunterschied statt. Sind ältere oder in ihrer Entwicklung eindeutig überlegene Mädchen und Jungen beteiligt, so kann die Situation von Kindern durchaus als sehr beängstigend erlebt werden. Konzentriert sich über einen längeren Zeitraum das Interesse einzelner Kinder fast ausschließlich auf sexuelle Handlungen, die z.T. über kindliches Erkunden hinausgehen und Erwachsenensexualität entsprechen (z.B. Analverkehr, orale Stimulation), und werden einzelne Kinder wiederholt verletzt, so sind dies keine altersgemäßen "Doktorspiele", sondern sexuelle Übergriffe.
© Zartbitter Köln: Ursula Enders 2004
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