Zartbitter e.V.
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Zartbitter Köln von 1987 bis heute

Gründung

Zartbitter e.V. wurde 1987 gegründet. Die ersten Vereinsmitglieder waren Frauen und Männer aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen (Jugendamt, Schule, Beratungsstellen). In ihrem beruflichen Alltag erfuhren sie immer wieder ihre Grenzen: Es gab weder Konzepte der Hilfe für kindliche und jugendliche Opfer noch kindgerechte Konzepte der Prävention sexueller Gewalt. Dies war nicht verwunderlich, denn bis in die achtziger Jahre war die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen in der (Fach-)Öffentlichkeit kaum Thema. Ebenso wenig wurden bis zu den neunziger Jahren in der Ausbildung von pädagogischen, medizinischen, sozialarbeiterischen und therapeutischen Fachkräften Möglichkeiten der Hilfen für die Opfer vermittelt.
Parallel zur Gründung von Zartbitter veröffentlichte das Land NRW die von der Zartbitter Mitarbeiterin Ursula Enders geschriebene Expertise zum Jugendbericht des Landes mit dem Titel „Sexueller Kindesmissbrauch und Jugendhilfe". Die Expertise leistete eine Analyse zum Umgang der Jugendhilfe mit der Problematik und skizzierte notwendige Standards einer fachlichen Weiterentwicklung der Jugendhilfe. In dieser Expertise wurde der Aufbau von Kontakt- und Informationsstellen gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen gefordert. Die darin skizzierten konzeptionellen Arbeitsschwerpunkte entsprechen auch heute noch denen von Zartbitter, wenn auch die einzelnen Punkte inzwischen eine andere Gewichtung bekommen haben.

  • Anlaufstelle für Betroffene
  • Theorie-Praxistransfer
  • Fortbildung und Weiterbildungen für Fachkräfte aus Schule und Jugendhilfe
  • Fachberatung/Supervision
  • Erstellung von Fachpublikationen und Präventionsmaterialien
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • fachpolitische Lobbyarbeit
  • Unterstützung der Selbsthilfearbeit

Während Zartbitter eine Initiative von pädagogischen, therapeutischen und sozialarbeiterischen Fachkräften war, hatten sich die Initiativen in anderen Städten auf Initiative betroffener Frauen gegründet. Somit hatte Zartbitter von Anfang an eine andere inhaltliche Konzeption. Schwerpunkte waren über all die Jahre:

  • parteilich für Mädchen und Jungen
  • parteilich für Mütter und Väter und andere Vertrauenspersonen von betroffenen Mädchen und Jungen
  • mit Ausnahme der Unterstützung der Selbsthilfearbeit ausschließlich im Jugendhilfebereich
  • niedrigschwellig
  • sowohl als Interventions- als auch Präventionsbereichprojekt

Die ersten Mitarbeiterinnen von Zartbitter Köln informierten sich zunächst über den Stand der internationalen Forschung, knüpften Kontakte zu Fachkräften in USA, England, Holland und Schweden und entwickelten erste Konzepte der Hilfe für betroffene Mädchen und Jungen und deren Vertrauenspersonen. Dazu gehörte von Anfang an die Erstellung von Präventionsmaterialien. Zum 20. Geburtstag hat die Kölner Illustratorin Dorothee Wolters z.B. nun zum zweiten Mal eines der ersten Plakate illustriert, das „Kinderhaus-Plakat“, das immer noch ein sehr beliebt ist und in vielen Kindertagesstätten und Schulklassen hängt.

Heute

Wie vor zwanzig Jahren arbeitet Zartbitter auch im Jahre 2007 noch unter der Bezeichnung „Kontakt- und Informationsstelle“. Diese Bezeichnung hat sich bewährt, denn sie wird nicht nur unserer breiten Angebotspalette gerecht, sondern sie erleichtert auch im Sinne einer Niedrigschwelligkeit betroffenen Mädchen und Jungen und ihren Vertrauenspersonen den Zugang zu dem Beratungsangebot. Viele Mädchen und Jungen kennen Zartbitter über die Infomaterialien, Erwachsene glauben häufig auch heute noch, wir seien ein Selbsthilfeprojekt. So werden wir von der Kölner Bevölkerung als wirklich „kölsches Projekt“ angenommen. Dazu trägt sicherlich auch die lebensfrohe Gestaltung unserer Materialien und unserer Theaterproduktionen bei.

Arbeitsschwerpunkt als Kölner Beratungsstelle

Im Laufe der Jahre hat die Beratungsarbeit von Zartbitter zunehmend an Umfang zugenommen. Der auch nach wie vor notwendige Theorie-Praxis-Transfer bleibt heute leider oftmals abhängig vom „ehrenamtlichen Engagement“ der MitarbeiterInnen, denn in der regulären Arbeitszeit gibt es dafür immer weniger Spielräume. Zu groß ist die Zahl der Beratungsanfragen aus Köln. Auswärtige Beratungsanfragen werden schon seit vielen Jahren an Beratungsstellen vor Ort verwiesen. Beratungsangebote macht Zartbitter für Kölner Ratsuchende:

  • in Fällen sexuellen Missbrauchs von Jungen und jungen erwachsenen Männern,
  • in Fällen sexuellen Missbrauchs bei Mädchen bis zum 12. Lebensjahr,
  • in Fällen von Pornoproduktionen oder Missbrauch in den neuen Medien,
  • bei sexuellen Übergriffen durch Kinder im Vor- und Grundschulalter,
  • bei Missbrauch in Institutionen – sowohl durch Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen als auch Jugendliche,
  • und vor allem in Fällen, in denen Familien so stark belastet sind, dass sie nur schwer an andere Beratungsstellen zu vermitteln sind.

Auch heute noch ist Zartbitter als Kölner Fachberatungsstelle eine Anlaufstelle für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlichster Berufsgruppen (z.B. Juristinnen, Sozialarbeiter, Lehrerinnen, Erzieher): Sie bitten um Information oder eine Fachberatung, wenn sie im Berufsalltag mit der Problematik konfrontiert werden und fachliche Rückendeckung brauchen – insbesondere in sehr komplexen Fällen, wenn z.B. Kinder im Rahmen von Pornoproduktionen missbraucht wurden oder durch Mitarbeiter aus Institutionen (z.B. durch einen Erzieher im Kindergarten oder einen Sporttrainer).
Nachdem Zartbitter in den 90er Jahren in sehr großem Umfang Präventionsarbeit in Köln geleistet hat (zahlreiche Theaterauftritte in Schulen, Elternabende, Infoveranstaltungen für Multiplikatoren und Workshops für Mädchen und Jungen), musste diese seit Anfang des neuen Jahrtausends reduziert werden. Da die Stadt Köln uns über die ganzen Jahre finanziell wie ein „ungeliebtes Stiefkind“ behandelt hat, hatten wir z.B. im letzten Jahr nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten, den Kölner Schulen unsere kostengünstigen Präventionsangebote zu machen. Uns hat es in der Seele wehgetan, dass deshalb z.B. die Zartbitter-Präventionstheaterstücke in Kölner Schulen kaum noch aufgeführt wurden – fast ausschließlich in Schulen, die über eine finanzstarke Elternschaft verfügten. Unser Anliegen ist es jedoch, vor allem auch in Schulen und Jugendzentren in sozialen Brennpunkten zu spielen. In anderen Städten ist es üblich, dass die Jugendämter den größten Teil der Aufführungskosten tragen.
Erst nachdem die kirchlichen Beratungsstellen in diesem Jahr eine erhöhte Förderung einforderten, wurde auch die Förderung von Zartbitter erhöht. Da sich damit die Finanzierung von Zartbitter etwas verbessert hat, ist es uns jetzt möglich, aus Spendengeldern wenigstens anlässlich unseres 20. Geburtstages 20 Theaterauftritte an Schulen in Kölner sozialen Brennpunkten zu verschenken.

Arbeitsschwerpunkte als überregionale Fachstelle

In den 80er und 90er Jahren bestand in Deutschland noch kein flächendeckendes Angebot gegen sexuellen Missbrauch. Zartbitter hatte in diesen Jahren eine große Bedeutung als Vermittlungsstelle. Ratsuchende aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland riefen an und erkundigten sich, wo sie in ihrer Nähe Unterstützung bekommen konnten. Sie hatten die Telefonnummer aus Büchern, Broschüren und den Medien. Die MitarbeiterInnen kannten aufgrund der von Zartbitter angebotenen Fortbildungen in vielen Städten einzelne TherapeutInnen oder Beratungsstellen, die zu der Problematik arbeiteten. Diese Vermittlungsarbeit brauchen wir heute kaum noch zu leisten – und wenn, dann meist zu speziellen Fragestellungen, in denen Zartbitter auch heute noch eine Vorreiterfunktion übernimmt (z.B. auch zu dem Thema „Frauen und jugendliche Mädchen als Täterinnen“).

Wie schon vor 20 Jahren schenken auch heute noch Fachkreise der innovativen Arbeit von Zartbitter im gesamten deutschsprachigen Raum große Beachtung:

• Die Zartbitter-Tourneetheater touren durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Allein das Stück „Komm mit hau ab – wurde von über 350 000 Mädchen und Jungen besucht. Die Zartbitterpräventionstheaterstücke werden nun schon seit 12 Jahren in bis zu 250 verschiedenen Schulen, Bürgerzentren und Theatern pro Jahr gespielt.

• Kaum eine Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch, die nicht mit Präventionsmaterialien von Zartbitter arbeitet. Die Materialien werden nicht zuletzt aufgrund ihrer lebensfrohen Aufmachung in Fachkreisen sehr geschätzt. Es gibt inzwischen in 15 Sprachen Materialien von Zartbitter.
Durch den Erlös aus dem überregionalen Verkauf der Materialien, finanzieren wir das Material, das wir für die Arbeit in Köln brauchen. Welche Wertschätzung die Zartbitter-Präventionsmaterialien bekommen lässt sich an den Druckauflagen ablesen: Die Broschüre „Tipps für Kids“ hat z.B. bisher eine Auflage von über 1.000 000.
Stolz sind wir darauf, dass in der Schweiz alle Mädchen und Jungen unsere „click it!“-Broschüren von der Schweizer Kriminalprävention überreicht bekommen – selbstverständlich nicht nur in Deutsch, sondern auch in Französisch und Italienisch.

• Große Beachtung finden auch Fachpublikationen und die Entwicklung von Präventions- und Interventionskonzepten – z.B. unser Konzept der traumaorientierten Beratung nach sexuellem Missbrauch für betroffene Mädchen und Jungen und deren Mütter und Väter, der Hilfen für sexuell übergriffige Kinder, Prävention und Intervention bei sexueller Gewalt im Internet und Handygewalt, der Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch in Institutionen.

• Zartbitter-MitarbeiterInnen leisten nicht nur auf überregionaler Ebene Fachberatungen für Institutionen (z.B. bei sexuellem Missbrauch von Mädchen und Jungen durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter), sie treten ebenso als ReferentInnen auf zahlreichen Fachtagungen und Kongressen auf.

Nicht zuletzt ist Zartbitter Köln durch die fachpolitische Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit überregional bekannt. Dazu hat sicherlich auch der Medienstandort Köln beigetragen. Kaum eine politische Anhörung in Berlin und früher in Bonn, zu der Zartbitter nicht geladen war. Eine Vertreterin von Zartbitter Köln war eine der drei NGOs in der Regierungsdelegation der Bundesrepublik Deutschland auf dem Weltkongress gegen kommerzielle Ausbeutung in Yokohama im Jahre 2002.