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Missbrauch durch junge Täter
Der folgende Text wurde im April 2004 von Zartbitter ins Netz gestellt. Leider hat er immer noch traurige Aktualität.
Auf der Startseite unserer Homepage finden Sie mehrere brandaktuelle Beiträge zu sexueller Gewalt durch Jugendliche und sexuelle Übergriffe unter Kindern.
Tipp:
Die Zartbitter-Theaterstücke zur Prävention gegen sexuelle Gewalt unter Kindern und Jugendlichen touren bundesweit. Informationen erhalten Sie, wenn sie rechts "Ganz schön blöd" und "click it!2" anklicken!
Sexuelle Übergriffe durch Minderjährige sind kein Einzelfall
Zur Notwendigkeit einer Täterprävention
Ein Drittel aller Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen werden von jugendlichen Tätern begangen!
- Laut BKA-Statistik stellen männliche Jugendliche – gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung – den größten Anteil der Tatverdächtigen bei Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen (Waschlewski 1999).
- Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass etwa ein Drittel der Opfer sexueller Gewalt angibt, von älteren Kindern oder Jugendlichen missbraucht worden zu sein (Howard, Marshall & Hudson 1993).
- Die internationale Täterforschung macht deutlich, dass ein großer Teil der Täter im Kinder- und Jugendalter mit sexuellen Übergriffen beginnt (Ryan 1997).
Auf ihrer Suche nach Männlichkeit mangelt es Jungen an realen und vor allem positiven männlichen Vorbildern. Viele Jungen versuchen ihre Rollenverunsicherung durch demonstrativ "männliches" Verhalten zu überspielen und machen durch besonders "cooles" Gehabe, sexistische Sprüche und sexuelle Übergriffe (nicht nur gegen Mädchen) auf sich aufmerksam. Vor allem in ihrer Peer-Gruppe können sich die Jungen damit soziale Anerkennung erwerben. So sind auch sexuelle Übergriffe häufig sozial akzeptiert, werden als "Privileg" gesehen und sogar z.T. zu Gruppenritualen. Einige Jungen entdecken – schon im Kindergartenalter - sexuelle Übergriffe als "Methode" ihr brüchiges Selbstbewußtsein "wiederherzustellen". Dies ist ein besonderer Risikofaktor für eine langfristige Täterentwicklung.
Nicht nur Mädchen und Frauen sind Ziel der verbalen und körperlichen Übergriffe, sondern auch vermeintlich "schwächere" Jungen werden Opfer sexualisierter Gewalt. Sie werden z.B. als "schwule Sau" beschimpft oder müssen sexuelle Übergriffe und körperliche Gewalt erleiden. Wer sich bei solchen sexuellen Übergriffen hervortut, gilt unter Jungen oftmals als besonders "männlich". So dient die sexuelle Erniedrigung anderer als vermeintlicher "Beweis" der eigenen Männlichkeit.
Nicht alle Jungen sind mit sexualisierter Gewalt einverstanden!
In jeder Gruppe oder Schulklasse sind Jungen, die das sexuell grenzüberschreitende Verhalten nicht gutheißen. Einige lehnen es sogar offen ab und stellen sich auf die Seite der Opfer. Diese Jungen laufen Gefahr, als vermeintliche "Verräter" sozial isoliert und gehänselt zu werden. Sie brauchen die Unterstützung der Erwachsenen, damit sie eindeutig gegen sexualisierte Gewalt durch Gleichaltrige Stellung beziehen können. Gewinnen diese Jungen die Sicherheit, auch innerhalb der Jungengruppe für ein partnerschaftliches Verhalten einzutreten, so geben sie damit eine Orientierung für andere Jungen, die aus Angst vor Repressionen sich dem Gruppendruck beugen und oftmals durch besonders sexistisches Verhalten ihren Status in der Jungengruppe zu sichern versuchen.
Erwachsene sind gefordert!
Mädchen benötigen Identifikationsfiguren einer selbstbestimmten Weiblichkeit; Jungen benötigen positive männliche Leitbilder, die ihnen einen respektvollen Umgang zwischen den Geschlechtern vorleben und somit eine Orientierung bei ihrer Suche nach Männlichkeit geben. Jugendliche beider Geschlechter brauchen die Unterstützung von Erwachsenen, die bei sexuellen Übergriffen entschlossen eingreifen, Opfer schützen und versorgen, Mädchen und Jungen, die mit sexuellen Grenzverletzungen gegenüber Dritten nicht einverstanden sind, stärken und offen gegen die Anwendung sexueller Gewalt in jeder Form Stellung beziehen. Nur wenige Männer und Frauen greifen aktiv ein, um die Mädchen und Jungen zu schützen und zu trösten. Nur wenige setzen den übergriffigen Jungen eindeutige Grenzen. Das passive Verhalten der Erwachsenen wird von den Jungen als stillschweigende Akzeptanz der sexuellen Übergriffe gewertet.
Jungen spüren, dass viele erwachsene Männer wie Frauen grenzüberschreitendes Verhalten von Jungen unterstützen oder tolerieren, indem sie z.B. Mädchen raten, die Übergriffe stillschweigend zu erdulden und/oder"einfach darüber hinwegzusehen" - nach dem Motto " Jungen sind halt so". Sexuell gedemütigte Jungen werden oftmals aufgefordert, "ein ganzer Kerl zu sein und sich zu wehren".
Mädchen und Jungen finden kaum Erwachsene, die mit ihnen offen und kompetent über Freundschaft, Liebe, Sexualität, geschlechtliche Identität und über sexuelle Grenzverletzungen und Möglichkeiten der Gegenwehr sprechen. "Aufklärung" bleibt häufig den Medien überlassen, die in der Regel Bilder patriarchalischer Rollenzuschreibungen tradieren und oftmals sexuelle Gewalt verherrlichen.
Das Ausmaß der sexualisierten Gewalt durch Jugendliche wird sich nur ändern, wenn erwachsene Männer ihre jungen Geschlechtsgenossen auf deren Suche nach Männlichkeit nicht mehr sich selbst überlassen und Jungen mehr Orientierungshilfe geben.
Bis heute keine Konzepte einer Täterprävention!
Trotz des großen Ausmaßes der sexuellen Gewalt durch jugendliche Täter wurden bis heute keine Konzepte einer Täterprävention entwickelt. Bis zum heutigen Tage mangelt es pädagogischen und therapeutischen Fachkräften an Handlungskompetenz im Umgang mit sexueller Gewalt unter Jugendlichen. Vor dem Hintergrund der in Ausbildungsgängen vermittelten Mythen wird sexuell übergriffiges Verhalten nicht selten als pubertäres Verhalten bewertet, das für diese Entwicklungsphase "normal" sein soll und sich mit der Zeit "wohl auswachse". Oder aber es wird als "Angelegenheit" eingestuft, die Jugendliche "selber klären sollten". Andere stecken den Kopf in den Sand – oft nach dem Motto: "Dagegen kann ich sowieso nichts machen."
Wenn Erwachsene keine klaren Grenzen setzen und für die Opfer solcher Übergriffe nicht klar Partei ergreifen, dann nehmen sie auch den Opfern die Möglichkeit zu reden und sich Hilfe zu holen. Sie lassen die Opfer im Stich. Diese Reaktionen nehmen zudem sexuell übergriffigen Jungen die Möglichkeit mit therapeutischer Hilfe ein angemessenes grenzachtendes Sexualverhalten zu lernen. Pädagoginnen und Pädagogen nehmen damit billigend in Kauf, dass ein Teil der übergriffigen Jungen in eine langfris-tige Täterkarriere einsteigt, in deren Verlauf sie oftmals viele Kinder missbrauchen.
Unsere Gesellschaft produziert mehr Täter als wir einfangen und therapieren können! Es ist unsere Verantwortung als Erwachsene, dass wir diese Täterproduktion beenden und endlich Konzepte der Täterprävention entwickeln!
Sexuelle Gewalt durch Jugendliche im Beratungsalltag von Zartbitter Köln
Zartbitter Köln hatte in den letzten elf Jahren immer wieder Kontakt zu Mädchen und Jungen, die von jugendlichen Tätern vergewaltigt/missbraucht wurden und auch zu Jungen und männlichen Jugendlichen, die sexuelle Übergriffe gegen jüngere und gleichaltrige Mädchen und Jungen verübt hatten. Häufig sind die sexuell übergriffigen Jungen zwischen 10 und 14 Jahre alt.
Eines von vielen Beispielen, das Zartbitter Köln für die Entwicklung des Täterpräventionsprojektes "Von der Rolle" motiviert hat.
An einer weiterführenden Schule überfallen drei Jungen einer Sport-AG ein 13-jähriges Mädchen, halten sie fest, begrabschen sie und führen Koitusbewegungen auf ihr aus. Andere Mädchen und Jungen beobachten die sexuelle Nötigung und versuchen verzweifelt dem Opfer zu helfen. Dies gelingt erst nach geraumer Zeit.
Es stellt sich heraus, dass die Jungen bereits zuvor mehrfach Mädchen sexuell bedrängt und verbal belästigt hatten. Außer Ermahnungen einzelner Lehrerinnen und Lehrer gab es jedoch keine Konsequenzen. Dementsprechend haben die drei Jungen wenig/kein Schuldbewusstsein.
Die Eltern der Mädchen wenden sich an Zartbitter Köln. Die BeraterInnen entwickeln gemeinsam mit den Mädchen und deren Eltern eine Strategie, wie die Situation für die Mädchen und Jungen, die mit dem übergriffigen Verhalten nicht einverstanden sind, verbessert werden kann.
Zunächst werden Beratungsangebote für das betroffene Mädchen und ihre Freundinnen gesucht. Die Schulleitung wird in Gesprächen für eine Kooperation gewonnen und trägt dafür Sorge, dass die Verantwortung der drei Täter deutlich gemacht wird und sie z.B. nicht mehr an der Sport-AG teilnehmen dürfen. Das Jugendamt wird informiert, um erzieherische Hilfen für die sexuell übergriffigen Jungen und deren Familien einzuleiten.
Für die anderen Mitglieder der Sport-AG werden geschlechtsspezifische Arbeitsgruppen durchgeführt. Die Mädchen sprechen über ihre eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und über Möglichkeiten der Gegenwehr und Hilfe. Den Jungen wird von männlichen Mitarbeitern von Zartbitter Köln "Sexualaufklärung extra für Jungen" angeboten, sie tauschen sich über drängende Fragen aus den Bereichen Freundschaft, Sexualität, Achtung vor den Grenzen anderer und darüber aus, wie es ihnen gegangen ist, als sie die sexuelle Nötigung miterlebten bzw. darüber hörten.
Die Schulleitung entschließt sich, offensiv das Recht von Mädchen und Jungen auf sexuelle Selbstbestimmung zum Thema zu machen: Ein Präventionstheater gegen sexuelle Gewalt wird eingeladen, Elternabende und verpflichtende Fortbildungen für alle Lehrerinnen und Lehrer über Möglichkeiten der Prävention werden durchgeführt. Die Erwachsenen stellen sich ihrer Verantwortung: Einigen Kolleginnen und Kollegen wird schmerzhaft bewusst, dass sie in der Vergangenheit allzu häufig Hinweise auf sexuelle Übergriffe gegen Schülerinnen und Schüler ignoriert oder bagatellisiert haben.
Der Alltag macht deutlich, dass sich die Bemühungen gelohnt und zu einem veränderten Schulklima geführt haben: Als ein neuer Fall sexueller Übergriffe stattfindet, vertrauen sich die Kinder umgehend der Schulleitung an, die den Schutz der Mädchen und Jungen sicherstellt.
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